Claudia am 18.11.2019

Die Storytelling-Krise


Autor: Hannah Johnson, Director Interactive Storytelling bei Demodern

Die meisten, die dies hier lesen, sind vermutlich digital aufgewachsen. Haben den Übergang von Laptops zu Smartphones erlebt. Und die Geburt und den Boom von Social Media Plattformen wie Facebook, Instagram und Snapchat. Die Interaktion mit spezifischem Content und die Entscheidung, was wir letztendlich konsumieren wollen, ist so einfach geworden wie das Spielen eines Spiels. Entscheidungen werden mit einem "Tab" oder einem "Swipe" getroffen. Statistiken zeigen, wie das unsere Aufmerksamkeit sabotiert: Konnte im Jahr 2000 durchschnittlich noch 12 Sekunden lang etwas unsere Aufmerksamkeit erregen (und auch behalten), war das im Jahr 2015 nur noch für drei Sekunden möglich. Expertenmeinungen zufolge sei unsere Aufmerksamkeitsspanne bereits geringer als die eines Goldfischs.

Aber eigentlich ist der vermeintliche Verlust der Aufmerksamkeitsspanne ein Mythos. 

Schauen wir uns Netflix an: Der durchschnittliche Netflix-Kunde verbringt zehn Stunden pro Woche auf der Plattform. Eine Geschichte, die einst in anderthalb Stunden erzählt wurde, wird nun durch eine sich über unzählige Stunden erstreckende Dramaturgie erweitert. Charaktere, Plots und Handlungsstränge sind immer komplexer geworden, und wir gehen darin auf. Im Jahr 2015 war "binge-watching" das Wort des Jahres im Collins English Dictionary. Genau im selben Jahr wurde auch behauptet, dass wir uns zur Generation-Goldfisch entwickelt haben.

Bingewatching

Bildquelle: ©Netflix

Was manche einen Verlust der Aufmerksamkeitsspanne nennen, ist in Wirklichkeit aber ein Verlust guten Storytellings. Der Verlust des Bewusstseins darüber, was eigentlich wirklich von Bedeutung ist. In einer britischen Umfrage unter Schulkindern gaben fast zwei Drittel an, dass es ihnen nichts ausmachen würde, wenn Social Media nie erfunden worden wäre. In der gleichen Umfrage gaben sie aber auch zu, dass Funktionen wie Snapchat Stories ihnen am besten gefallen. Ebenso boomt die Gamingbranche. Bis 2021 werden weltweit 2,7 Milliarden Spieler erwartet. Die beliebtesten AAA-Games beziehen den Konsumenten mit ein. Er ist mitten in der Story, bewegt sich als Agent innerhalb der Action. Der komplexe Plot und die aufregenden Stories beschäftigen den Spieler zum Teil über tausend Stunden lang.

Aber nicht nur online lechzen wir nach Geschichten, offline ist unser Hunger danach größer denn je. Traditionelle Geschäftsbereiche scheinen dieses Loch allerdings nicht so einfach stopfen zu können. Überall auf der Welt nimmt die Zahl der Museumsbesuche ab. In einem Bericht wurde ein Rückgang der Besucher von Kunstgalerien allein in den USA um 19,5% festgestellt. Es scheint ermüdend zu wirken, wenn es Museen eher um den Kurator als um den Besucher geht. Inhalte fühlen sich weit weg an, da es sich nur um den Verkauf zu drehen scheint. Inzwischen erwarten wir aber mehr vom Storytelling als das simple Lesen des Kleingedruckten einer Tafel neben dem eigentlichen Bild. Was gut ist.

MAP 2

Stattdessen tauchen neue, radikale Alternativen auf. Alternativen, die nicht nur benutzer-, sondern auch storyzentriert sind. Für das Discovery Dock, eine Experience, die wir kürzlich für die Dumont Media Group entwickelt haben, ist die Technologie der Anker für eine sinnvollere, immersive Storytelling-Erfahrung. Virtual Reality und Projection-Mapping sorgen für einen tieferen Einblick in die Geschichten und Orte innerhalb einer Hafenwelt zu der man normalerweise keinen Zugang hat. An den einzelnen Stationen der Ausstellung lenkt der Besucher selber die Geschichte und ist nicht nur Beobachter.

Auch beim Discovery Dock war klar, wohin der Trend geht: Die beliebtesten Exponate sind die geschichtenreichsten, interaktivsten und eindringlichsten. Mixed-Reality-Simulationen zum Entladen von Containern oder der Besuch eines Trockendocks mit einem Dockangestellten stehen dabei ganz oben auf der Liste. In einer anschließenden Umfrage gaben 95% der Besucher an, dass sie das Erlebnis einem Freund weiterempfehlen würden.

Hannah Discovery Dock

Ob Gaming, Social Media oder Location Based Entertainment, es liegt in der menschlichen Natur, ständig nach neuen Erfahrungen zu suchen. Die Einbeziehung von Geschichten und neuen Formen des Storytellings wird das Hauptunterscheidungsmerkmal für diejenigen sein, die den globalen Hunger nach Bedeutung stillen wollen. Und unsere Gesellschaft braucht das mehr denn je.